Sektion Bonn

Sektion Bonn

Montag, 28.09.2026 - 18:00

Der Sanitätsdienst im Aufwuchs – Herausforderungen und Konzepte für die Zukunft

Seit dem von Russland begonnenen Krieg auf der ukrainischen Krim 2014, und vor allem nach dem groß angelegten Angriff der russischen Armee ab Februar 2022 ist das Thema Landes- und Bündnisverteidigung wieder zum primären Auftrag der Bundeswehr geworden. Bei von Analysten erwarteten 1.000 und mehr täglichen Verwundeten im Falle eines russischen Angriffs auf NATO-Gebiet, stünden nicht allein der militärische Sanitätsdienst, sondern gleichermaßen auch das zivile Gesundheitswesen vor enormen Belastungen.
Referent: Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann , Befehlshaber Zentraler Sanitätsdienst der Bundeswehr - Unterstützungskommando der Bundeswehr
Ort: Bundesministerium der Verteidigung, Tagungszentrum - Fontainengraben 150 , 53123 Bonn

Generaloberstabsarzt a.D. Dr. Blätzinger, Generaloberstabsarzt Dr. Hoffmann, Volker Thielert (Clausewitz-Gesellschaft), Richard Rohde (SL GSP Bonn) © Richard Rohde


Im Gespräch © Richard Rohde

Neun Personen, darunter zwei Frauen und sieben Männer, stehen in einer Reihe vor Veranstaltungsbannern. Eine Frau hält einen Strauß.

Generaloberstabsarzt Dr. Hoffmann © Richard Rohde

 

Der Sanitätsdienst im Aufwuchs – Herausforderungen und Konzepte für die Zukunft

Veranstaltungsbericht

Wie verändert sich der Sanitätsdienst der Bundeswehr angesichts eines möglichen Krieges in Europa? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine gemeinsame Veranstaltung der Clausewitz-Gesellschaft e.V., der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik e.V. und der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V. am 28. September 2026. Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann, Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr im Unterstützungskommando der Bundeswehr, stellte aktuelle Überlegungen zum Aufwuchs und zur künftigen Leistungsfähigkeit des Sanitätsdienstes vor.

Im Mittelpunkt stand das veränderte Kriegsbild. Erfahrungen aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zeigen ein Gefechtsfeld, das von einer permanenten Bedrohung durch Drohnen geprägt ist. Damit unterscheidet sich die Situation grundlegend von den Einsatzbedingungen, die die Bundeswehr etwa aus Kosovo oder Afghanistan kennt. Ein erheblicher Teil der Verwundungen entsteht inzwischen infolge von Drohnenangriffen, während klassische Schussverletzungen nur noch einen vergleichsweise kleinen Anteil ausmachen.

Diese Entwicklung hat unmittelbare Konsequenzen für die sanitätsdienstliche Versorgung. Rettung und Behandlung müssen auch unter Bedingungen gewährleistet werden können, in denen der rückwärtige Raum nicht mehr automatisch als sicher gilt. Das Spektrum reicht deshalb von Sanitätsbussen und -zügen im rückwärtigen Raum bis zu geschützten Fahrzeugen wie dem Boxer in unmittelbarer Nähe zur Kampfzone.

Aufwuchs als gemeinsame Aufgabe

Der Aufwuchs der Bundeswehr ist nicht allein eine Frage zusätzlicher Truppenstärke. Entscheidend ist die Steigerung der gesamten Leistungsfähigkeit der Streitkräfte. Der Sanitätsdienst muss dabei mit dem Aufwuchs der Kampf- und Unterstützungskräfte Schritt halten.

Der Aufbau der künftigen Fähigkeiten soll in mehreren Phasen erfolgen: einem fokussierten Aufwuchs bis 2029, einem strukturierten Ausbau bis 2035 und einer weiteren Vervollständigung des Fähigkeitsprofils bis 2039. Dabei geht es nicht nur um Personal und Material, sondern auch um Strukturen, Ausbildung und Verfahren für die Landes- und Bündnisverteidigung.

Eine besondere Bedeutung kommt dem Unterstützungskommando zu. Logistik und Sanitätsdienst müssen noch stärker gemeinsam gedacht werden. Beide Bereiche schaffen die Voraussetzungen dafür, dass die operativen Kräfte ihren Auftrag erfüllen können. Im Zuge der Neuordnung der Bundeswehr wird der Unterstützungsbereich voraussichtlich den größten Organisationsbereich bilden.

Eine durchgängige Rettungs- und Behandlungskette

Ein zentrales Thema war die organisatorische Verankerung des Sanitätsdienstes. Die Versorgung von Verwundeten muss als durchgängige Rettungs- und Behandlungskette verstanden werden – von der Versorgung im Einsatz bis zur weiteren Behandlung in Deutschland. Daraus ergibt sich die Bedeutung einer einheitlichen Führung und Steuerung des Sanitätsdienstes.

Im Einsatzland soll die medizinische Versorgung insbesondere auf Stabilisierung und Herstellung der Transportfähigkeit ausgerichtet sein. Die weitergehende Behandlung kann anschließend in Deutschland erfolgen. Damit gewinnt auch der strategische Verwundetentransport an Bedeutung. Neben dem Lufttransport werden angesichts größerer Verwundetenzahlen und möglicher längerer Konflikte auch Schiene, Straße und Schiff eine wichtigere Rolle spielen.

Personal zwischen Bundeswehr und zivilem Gesundheitswesen

Eine besondere Herausforderung stellt die Gewinnung und Bindung von Personal dar. Im Rahmen des neuen Wehrdienstes sollen auch für den Sanitätsdienst zusätzliche Kräfte gewonnen werden. Rund zwölf Prozent der vorgesehenen Wehrdienstleistenden – bei einer Größenordnung von etwa 40.000 – sind hierfür vorgesehen. Besonders relevant ist dies für Menschen mit medizinischen oder pflegerischen Vorkenntnissen.

Eine grundlegende sanitätsdienstliche Befähigung soll je nach Verwendung mit einer zwölf- bis 23-monatigen Dienstzeit und einer anschließenden Beorderung in die Reserve verbunden werden können.

Dabei entsteht ein Spannungsfeld: Medizinische Fachkräfte werden im Krisenfall sowohl in der Bundeswehr als auch im zivilen Gesundheitswesen benötigt. Eine leistungsfähige Reserve muss deshalb mit den Anforderungen der zivilen Gesundheitsversorgung abgestimmt werden.

Gesundheitsversorgung als gesamtstaatliche Aufgabe

Die Vorbereitung auf einen größeren Konflikt kann nicht allein durch die Bundeswehr geleistet werden. Dies betrifft unter anderem die Verfügbarkeit medizinischer Güter, Behandlungskapazitäten und Blutkonserven. Bereits im Normalbetrieb decken die täglichen Blutspenden im Wesentlichen den aktuellen Bedarf. Für eine Krise oder einen Krieg wären zusätzliche Kapazitäten erforderlich.

Auch die föderale Zuständigkeit für das Gesundheitswesen stellt eine besondere Herausforderung dar. Militärische Gesundheitsversorgung und ziviles Gesundheitswesen müssen deshalb stärker zusammengedacht und entsprechende rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen vorbereitet werden.

Multinationale Zusammenarbeit und Innovation

Die Anforderungen an den Sanitätsdienst in einem Bündnisfall lassen sich nicht isoliert national betrachten. Gemeinsame Standards, Verfahren und Fähigkeiten müssen bereits im Frieden entwickelt und eingeübt werden. Dies gilt insbesondere für die Rettungskette, den Transport Verwundeter und die medizinische Versorgung multinationaler Verbände.

Gleichzeitig erfordert das veränderte Gefechtsfeld neue technische und organisatorische Lösungen. Innovation betrifft dabei nicht nur medizinische Verfahren und Ausrüstung, sondern das gesamte System der Rettung und Behandlung unter den Bedingungen moderner Aufklärung und Drohnenbedrohung.

Vom Auslandseinsatz zur Landes- und Bündnisverteidigung

Der grundlegende Wandel lässt sich als Wechsel der Perspektive beschreiben: Der Sanitätsdienst muss sich von einer primär auf Auslandseinsätze ausgerichteten Struktur zunehmend auf die Anforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung einstellen.

Gefordert ist ein durchhaltefähiges Gesamtsystem, das Personal, Material, Transport, medizinische Behandlung, Reserve, zivile Gesundheitsversorgung und multinationale Zusammenarbeit miteinander verbindet. Der Aufbau dieser Fähigkeiten ist damit nicht nur eine sanitätsdienstliche Aufgabe, sondern ein wesentlicher Bestandteil der militärischen und gesamtstaatlichen Vorsorge für die Landes- und Bündnisverteidigung.


Text: Benedikt Roelen, GSP Bonn


zur Sektion