Sektion Wilhelmshaven/Friesland
Auf dem Weg in die nukleare Anarchie?
Bis in die 1990er Jahre gab es eine Nuklearstrategie der NATO. Diese Strategie reichte von der nuklearen Zielplanung über Richtlinien für nukleare Konsultationen im Bündnis bis hin zu politischen Einsatzgrundsätzen für mögliche nukleare Erst- und Folgeeinsätze. Heute verfügt die NATO über keine im Bündnis einvernehmlich beschlossene Nuklearstrategie, obgleich sie sich mit Russland einem Gegner gegenübersieht, der im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg mehrfach explizit den Einsatz von Kernwaffen angedroht hat.
Ungeachtet der fehlenden Nuklearstrategie soll der nukleare Schutzschirm der USA für die NATO-Partner in Europa, die „erweiterte Abschreckung“, einschließlich der nuklearen Teilhabe als unverzichtbares Schlüsselelement einer glaubwürdigen Abschreckung weiterhin Bestand haben. Angesichts von Donald Trumps Außen- und Sicherheitspolitik äußerten jedoch nicht nur in- und ausländische Politiker sowie etliche Wissenschaftler, sondern auch einige europäische Staats- und Regierungschefs Zweifel an der Glaubwürdigkeit der erweiterten nuklearen Abschreckung der USA. Viele Analysen kommen zu dem Schluss, dass Europa eine eigene nukleare Abschreckungsfähigkeit entwickeln muss.
Die frühere Polarität von USA und Sowjetunion bzw. die späteren Abrüstungsbemühungen von USA und Russland bescherten der Welt eine Reihe von Rüstungskontrollabkommen, nicht nur den oben bereits genannten INF-Vertrag, sondern auch SALT (Begrenzung nuklearstrategischer Rüstung), ABM (Begrenzung von Systemen zur Abwehr ballistischer Flugkörper), START (Reduzierung nuklearstrategischer Trägersysteme), SORT (Reduzierung strategischer Offensivwaffen) und New START (weitere Reduzierung strategischer Trägersysteme und nuklearer Sprengköpfe). Seit dem 06. Februar 2026 existiert keiner dieser Verträge mehr – und damit auch keines der mit Ihnen jeweils verbundenen Verifikationsregime.
Auch der Atomwaffensperrvertrag („Nichtverbreitungsvertrag“ (NVV), „Non-Proliferation Treaty“ (NPT)) von 1968 ist in den vergangenen Jahren aufgrund mehrfachen Nichterreichens eines gemeinsamen Abschlussdokuments bei den Überprüfungskonferenzen unter Druck geraten. Mag der Wille, den strategischen Kern des Vertrags – Begrenzung der Besitzer nuklearer Waffen auf die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen – zu bewahren, noch vorherrschen, so gefährden zum einen Russlands und Chinas Ansätze, ihre Nukleararsenale als „Schutzschild“ für gewaltsame Ausweitungen ihrer regionalen Macht zu nutzen, den Fortbestand des NVV. Insbesondere Russlands Krieg gegen die Ukraine und damit auch der Bruch des Budapester Memorandums von 1994 (Verzicht u. a. der Ukraine auf Atomwaffen gegen Sicherheitszusagen auch seitens Russlands) lassen Staaten zu der Überzeugung gelangen, dass letztlich nur der Besitz von Atomwaffen einen potenzieller Angreifer wirksam abschrecken kann. Zum anderen ist die erodierende Rolle der USA als Garant der Schutz- und Ordnungsfunktion, auf die die Nichtverbreitungspolitik angewiesen ist, eine strukturelle Herausforderung für den NVV. Die USA sind unter Trump in ihrem internationalen Engagement selektiver, transaktionaler und unberechenbarer geworden. Ein berechenbarer globaler Rahmen verringerte jedoch bisher den Anreiz für andere Staaten, selbst nach Kernwaffen zu streben.
Die heutige nukleare Lage erscheint als hochgradig instabil. Die USA-RUS Rüstungskontrollregime existieren nicht mehr. Die USA sind zwar geneigt, in neue Rüstungskontrollverhandlungen mit Russland einzusteigen, möchten aber auch China dabeihaben; China lehnt das entschieden ab und rüstet nuklear massiv auf. Die Glaubwürdigkeit der erweiterten nuklearen Abschreckung der USA ist erschüttert; in Europa wird überlegt, wie man der russischen nuklearen Bedrohung entgegentreten kann. Mehr und mehr Staaten überlegen, sich Kernwaffen anzuschaffen oder zumindest einen Status anzustreben, der ihnen einen kurzen Weg zur Atombewaffnung eröffnet. So will Saudi-Arabien in der Lage sein, unmittelbar nach dem Iran Atommacht zu werden, sollte dies dem Iran gelingen. Russland braucht nordkoreanische militärische Hilfe, die es in bar und mit Technologietransfers, insbesondere für nukleare Systeme, bezahlt. China will seinen bisherigen Satellitenstaat nicht völlig in die Arme Russlands treiben; daher hat Peking seine Zusammenarbeit mit Pjöngjang ebenfalls intensiviert und sieht über den Ausbau von dessen Nuklearprogramm inzwischen hinweg. Ist eine Zeit der völligen nuklearen Unberechenbarkeit angebrochen? Was bedeutet das für deutsche und europäische Sicherheitspolitik?
Referent: Prof. Dr. Joachim Krause, Kiel
Zum Referenten: Joachim Krause wurde am 7. Februar 1951 in Heide, Schleswig-Holstein, geboren und legte 1969 sein Abitur am dortigen Gymnasium ab. Er studierte Politikwissenschaft an der Universität Hamburg, was er 1975 mit dem Diplom abschloss.
Ein erster beruflicher Einsatz fand von Februar 1978 bis Ende September 1993 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), derzeit in Ebenhausen (Landkreis München), statt. In dieser Zeit arbeitete Joachim Krause an seiner Doktorarbeit und promovierte 1982 an der Freien Universität Berlin. Ab Oktober 1990 wirkte er auch als Leiter des Forschungssekretariats der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Ab Oktober 1993 arbeitete Dr. Krause als stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Bonn. Während dieser Zeit, in 1997, habilitierte Dr. Krause an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, wo er bis 2000 fortan zusätzlich als Privatdozent tätig war; als Privatdozent wechselte er 2000 an die Universität Potsdam, wo er bis 2001 als Hochschullehrer wirkte.
Ende August 2001 verließ Prof. Dr. Krause die DGAP und wurde ordentlicher Professor für Internationale Politik und Direktor am Institut für Sozialwissenschaften, Bereich Politikwissenschaft, der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seit Januar 2002 wirkte er insbesondere als Direktor und zugleich als einer der Geschäftsführer des Instituts für Sicherheitspolitik gGmbH an der Universität Kiel (ISPK). Während er seine Professur an der Christian-Albrechts-Universität in 2016 mit 65 Jahren beendete, blieb er Direktor des ISPK bis Ende Juni 2023.
Prof. Dr. Krause hat auch an ausländischen Institutionen gelehrt bzw. geforscht. Er war Mitglied von deutschen Regierungsdelegationen. Seine Ehrenämter als Politikwissenschaftler waren zahlreich. Prof. Dr. Krause ist Autor bzw. Herausgeber von mehr als 40 Büchern und Verfasser von hunderten von wissenschaftlichen Aufsätzen und Artikeln. Anfang dieses Jahres erschien sein neuestes Buch „Die Deutschen und die Atombombe – Eine Geschichte von Angst, Ambivalenz und Verantwortung“. Prof. Dr. Krause ist bis heute ein gefragter Gast bei Fachforen, Vortragsveranstaltungen und Symposien.
Prof. Dr. Krause war bis Mai 2024 Vorstandsmitglied der „Stiftung Wissenschaft & Demokratie“ (SW&D) in Kiel und bis Ende 2024 geschäftsführender Herausgeber von „SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen“.
Prof. Dr. Krause ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Kiel. Sie haben ein – längst – erwachsenes Kind.
0171-4727146